Berlin, November 2018: +++ Haushaltsstreit zwischen der EU und Italien geht in die nächste Runde +++ Konjunkturdelle oder Ende des Aufschwungs? Deutsche Wirtschaft schwächelt +++ Wirtschaftswachstum in den USA bleibt stark: erneuter Zinsschritt im Dezember wahrscheinlich +++ Bestzins für zehnjährige Hypothekendarlehen: 1,07 Prozent (Stand: 27. November 2018) +++

Von Weihnachtsmännern, Schuldenbergen und Anleihezinsen: Italien-Streit geht weiter

Steigende Renditen setzen Italien unter Druck
Italien wird gern als Europas Problemkind bezeichnet – und wie ein solches verhält sich aktuell die italienische Regierung. Nach Ablehnung des italienischen Haushaltsentwurfes und Androhung eines Defizitverfahrens durch die EU reagierte Italiens Vizepremierminister Matteo Salvini zunächst mit Spott: Er warte auch noch auf einen Brief vom Weihnachtsmann. Doch auch wenn sich die Regierung scheinbar gelassen gibt, Verbraucher und Unternehmen in Italien geraten zunehmend unter Druck. Denn: Die Rendite zehnjähriger italienischer Staatsanleihen hat sich im letzten halben Jahr nahezu verdoppelt und liegt aktuell bei 3,27 Prozent. „Die wirtschaftlichen und politischen Unsicherheiten haben dazu geführt, dass Investoren italienische Staatsanleihen verkaufen. Dadurch fallen deren Kurse und die Renditen steigen“, erklärt Michael Neumann, Vorstandsvorsitzender der Dr. Klein Privatkunden AG.

Die gestiegenen Zinsen belasten zum einen Wirtschaft und Konsumenten durch höhere Kreditkosten, zum anderen sind sie auch für den Staat problematisch. Schon jetzt zahlt Italien jedes Jahr einen Schuldendienst im hohen zweistelligen Milliardenbereich. Bei der Gesamtverschuldung von 2,3 Billionen Euro treiben bereits geringe Zinsanstiege die Finanzierungskosten um mehrere Milliarden Euro weiter in die Höhe – und noch mehr Zinszahlungen kann sich das Land kaum leisten, vor allem weil das Wirtschaftswachstum seit der Krise im Jahr 2009 nur zögerlich wieder anzieht. „Die Finanzmärkte führen der italienischen Regierung gerade die Folgen ihres Konfrontationskurses vor Augen. Meines Erachtens wird es daher nicht zu einer Eskalation des Haushaltsstreites kommen, sondern einen ‚faulen‘ Kompromiss geben, mit dem sowohl Italien als auch die EU ihr Gesicht wahren können“, resümiert Neumann.

Italien-Krise, Brexit und schwächelnde Wirtschaft: Wachsende Unsicherheiten in der EU?
Im dritten Quartal 2018 wuchs die Wirtschaft im Euroraum langsamer als zuvor, in Deutschland sank das Bruttoinlandsprodukt (BIP) im Vergleich zum Vorquartal sogar leicht. Trotz dieser Konjunkturdelle sieht EZB-Präsident Mario Draghi den Aufschwung in der Euro-Zone nicht in Gefahr. Eine Verlangsamung des Wachstums sei ein normaler Teil des Konjunkturzyklus´. Für eine nachhaltige Erholung der Wirtschaft spricht auch die allmählich steigende Inflation. In Deutschland liegt die Kerninflation im Oktober bei 1,6 Prozent, im Euroraum bei 1,2 Prozent.

Michael Neumann rechnet nicht mit einer Änderung des EZB-Fahrplans: „Ich erwarte, dass die EZB in ihrer Sitzung am 13. Dezember den Ausstieg aus dem Anleihekaufprogramm zum Jahreswechsel bestätigen wird.“ Ob es einen ersten Zinsschritt Ende 2019 gibt, ist allerdings alles andere als sicher. „Die Entscheidung der Geldpolitiker wird davon abhängen, wie sich Inflation und Wachstumsaussichten im kommenden Jahr entwickeln“, so die Einschätzung Neumanns.

G20-Gipfel in Argentinien: Hoffen auf ein Ende des Handelsstreits
Mehr als ein halbes Jahr dauert der Handelsstreit zwischen den USA und China bereits an – und die Strafzölle werden in immer neue Höhen geschraubt. Aktuell sind chinesische Waren im Wert von 250 Milliarden Dollar mit Strafzöllen durch die USA belegt – also praktisch die Hälfte aller Einfuhrgüter aus China. Am Wochenende findet das G20-Treffen in Argentinien statt. Am Rande der Zusammenkunft wollen sich US-Präsident Donald Trump und Chinas Staatschef Xi Jinping zu einem Gespräch treffen. Die Hoffnung auf eine Deeskalation des Konfliktes wurde allerdings während des Asiatisch-Pazifischen Wirtschaftsforums (Apec) Mitte November getrübt: US-Vizepräsident Mike Pence drohte dort mit einer weiteren drastischen Erhöhung der Strafzölle gegen China.

Der amerikanischen Wirtschaft schadet der schwelende Handelsstreit bisher nicht und das starke Wachstum hält an. Gleichzeitig steigen die Renditen der US-Staatsanleihen weiter: ein Anzeichen dafür, dass Anleger eine höhere Inflation erwarten. Ein weiterer Zinsschritt im Dezember auf eine Spanne von 2,25 bis 2,5 Prozent gilt daher als sicher. „Im Jahr 2019 wird die Fed voraussichtlich drei weitere Zinsschritte durchführen – und den Leitzins damit über das neutrale Niveau von drei Prozent hinaus anheben“, meint Michael Neumann. Vom Markt sei das allerdings bereits eingepreist.

Deutsche Anleihen bleiben beliebt
Nachdem die Baufinanzierungszinsen im letzten Monat leicht angezogen hatten, pendeln sie sich im November wieder auf niedrigerem Niveau ein. Ein Grund dafür sind die sinkenden Renditen der zehnjährigen Bundesanleihe. „Dass die Anleihe trotz der geringen Rendite weiterhin stark nachgefragt wird, liegt auch daran, dass die Bonität anderer Schuldner wie Italien oder einiger Schwellenländer angezweifelt wird. Anleger flüchten sich in die Bundesanleihe als sicheren Hafen“, kommentiert Michael Neumann. Der Bestzins für zehnjährige Hypothekendarlehen liegt aktuell bei 1,07 Prozent. Mittelfristig wird sich an diesem Wert nicht viel ändern, langfristig ist allerdings weiterhin mit steigenden Zinsen zu rechnen.

Tendenz

Kurzfristig: schwankend seitwärts
Langfristig: steigend